SANTANYI MAGAZINE 04
Santanyí magazine ···92 Wennwir einenMenschen betrachten, der seine gesamte Existenz auf den Erwerb materiellen Guts aufbaut und folglich auch auf der Verfügbarkeit von freiem Kapital, und derselbe seine finanziellen Möglichkeiten schwinden sieht, kann man beobachten wie rasch schwere Angstzustände und emotionale Veränderungen zutage treten, die auch die Realitätswahrnehmung verändern können. Es ändern sich unter anderem dessen Selbstbild, Ansehen, Identität und Selbstsicherheit. Wir würden Zeugen eines Ungleichgewichts zwischen seinem “Ich” und der ihm umgebenden Realität werden und niemand würde in Frage stellen, dass seine persönliche Identität auf dem Aspekt des “Habens” aufgebaut war. Diese Situation kann auch auf eine Firma übertragen werden, die sich bei schwindenden Gewinnen mit demselbenProblemkonfrontiertsieht.Wieoftberichteten Schlagzeilen von Unternehmensverlusten, während in Wirklichkeit einfach nur die Gewinnprognosen falsch waren? Auf einer komplexeren Ebene entsteht auch ein Ungleichgewicht zwischen der firmeneigenen Identität und den täglichen Zielen ihrer Umgebung, denen man sich stellen muss. Lassen Sie uns dennoch einen “normalen” Menschen unserer Gesellschaft betrachten. Selbstverständlich muss der Einzelne für seine Bedürfnisse aufkommen, wofür er über ein gewisses Kapital verfügen muss, aber was passiert mit demjenigen, der seine Existenz aus dem Blickwinkel des “Habens” betrachtet? Paradoxerweise rutscht seine Dimension des “Seins” in eine Krise. Ich kenne unzählige Fälle, in denen eine Person, trotz “privilegierter wirtschaftlicher Situation” multiple Unsicherheiten hinsichtlich ihrer selbst hat – da das Selbst ein Produkt ihrer Umwelt ist, das sich ständig auf Ihresgleichen (nahestehende Personen) bezieht. Und dann stellt sich die Frage – werde ich für das was ich habe oder das was ich bin geschätzt? Und unter dieser Voraussetzungbeginnt nicht seltenein sehr verwirrender Prozess, wenn nämlich die Formung der Persönlichkeit auf dem Haben beruht. Warum kommt es aufgrund einer Erbschaft zu einem Familienzwist? Warum kommt es zu einer plötzlichen kognitiven Neustrukturierung einer Person, die eine enorme Summe im Glücksspiel gewinnt? Keine Frage. Die Perspektive des Seins verliert die Bedeutung und man tritt voll und ganz in die Dimension des Habens ein. Das Gleichgewicht wiederherzustellen würde bedeuten, zu erkennen, dass die wahrhaft tiefen und glückbringenden Aspekte für den Menschen nicht allein vom Haben abhängen, sondern eher von der Dimension des Seins. Die beiden Perspektiven des Habens und des Seins müssen einander nicht ausschliessen, vielmehr sollten sie ein harmonisches Gleichgewicht bilden. Es würde mich nicht überraschen, wenn wir zukünftig Zeugen neuer Ökonomiemodelle würden, die zu einem neuen Verständnis des Menschen und seines Daseins beitragen.
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